Wetter

Weihnachtsfrühling

von Holger Westermann

Man könnte auch titeln: „Weihnachtstauwetter fällt heuer (in diesem Jahr) aus.“ Was sollte auch tauen? Das mancherorts über die Landschaft gebreitete Schneelaken ist selbst auf dem Feldberg im Schwarzwald (knapp 1.500m) schon wieder weitgehend dahingeschmolzen. Bis zum Beginn Weihnachtstage kann es nur noch in den Alpen nennenswert tauen, andernorts fehlt dazu der Schnee. Für wetterempfindliche Menschen hat der warme Winter positive und negative Folgen.

Weiße Weihnacht ist ein beliebtes Kalenderblattmotiv, aber - wie so oft bei den großformatigen Wandbildern im monatlichen Wechsel - eine wenig realistische Darstellung von Träumen der Betrachter. So kommen hierzulande „weiße Weihnachten“ mit einer messbaren Schneedecke an allen 3 Feiertagen nur alle 5 bis 7 Jahre vor. Das ist keine neue Entwicklung, sondern ein seit Jahrzehnten stabiler Trend. Denn in Mitteleuropa überwiegt zum Jahresausklang regelmäßig eine Westwetterlage, die vom vergleichsweise warmen Atlantik her in rascher Folge Tiefdruckgebiete (Luftströmung entgegen dem Uhrzeigersinn um das Zentrum) heranführt. Durch die derzeit geringe Sonneneinstrahlung und infolgedessen starke Abkühlung der Nordhalbkugel der Erde (längste Nacht 2019 am 22.12.) entstehen besonders viele Tiefdruckgebiete und der nördliche Jetstream lenkt sie zügig nach Mitteleuropa. So lange sich kein stabiles Festlandhoch von Russland westwärts ausdehnt und die Tiefs blockiert, erleben die Menschen hierzulande den steten Wechsel von Warmfront der Vorderseite durchziehender Tiefs und Kaltfront an der Rückseite. Da immer wieder feuchtwarme Azorenluft einströmt, kann der Boden nicht so tief durchkühlen, dass Schnee dauerhaft liegen bleibt. Die letze „weiße Weihnacht“ gab es im Jahr 2010. Damals lag selbst im Einflussbereich der „Wärmflaschen“ Nord- und Ostsee Schnee, beispielsweise in Hamburg 20cm.

Heuer wird es dagegen sogar richtig warm. Unter Föhneinfluss können an den Alpen 20°C erreicht werden. Ein Weihnachtsfrühling. Ein Hochdruckgebiet über Ost- und Südosteuropa (nicht von Russland aus vordringend) und eine Reihe von atlantischen Tiefdruckgebieten, die ein ums andere über Westeuropa hinweg ziehen, transportieren feuchtwarme Luft nach Mitteleuropa und etablieren eine recht stabile Luftströmung von Süden über den Alpenhauptkamm. Eine klassische Föhnlage. Fließt die über dm eAtlantik und dem Mittelmeer mit Wasserdampf angereicherte Luft von Süden über die Alpen nordwärts, muss sie zunächst aufsteigen und kühlt sich dabei ab. An den Südhängen der Alpen schneit es, denn je kühler die aufsteigen Luft wird, um so weniger Luftfeuchte kann sie transportieren. Jenseits des Alpenhauptkammes sinkt die nun trockene Luft wieder ab und erwärmt sich dabei - je 100m um 1°C (adiabatische Erwärmung durch Zunahme des Luftdrucks in Bodennähe). Der Prozess verläuft sehr dynamisch, es können sehr hohe Windgeschwindigkeiten entstehen. Dabei ist die Luft warm und trocken. Vom Schnee bleibt dann auch in den höheren Lagen kaum etwas übrig. Selbst Schneekanonen der Skigebiete können dagegen nichts ausrichten, denn sie benötigen Forst um zu funktionieren.

Auch ausserhalb vom Föhneinfluss ist es derzeit ungewöhnlich warm. Die aktuell nach Mitteleuropa transportierte Luft stammt aus den feuchtwarmen Regionen von den Azoren bis zur Adria. Zudem befindet sich über Mitteleuropa in 1.500m Höhe (850 hPa Niveau) gerade eine mit +9 bis +13°C ausserordentlich warme Luftschicht; dieser Wert liegt rund 15°C über dem einer normalen Dezemberhöhenluft. So kann es durch Verlust von Strahlungswärme nach langen sternklaren Nächten frühmorgens Bodenfrost geben, doch dauerhaft kaltes Wetter wird sich unter diesem „Heizkissen“ nicht ausbreiten. Eher etabliert sich eine Inversionswetterlage, bei ein Warmluftpolster die kühle Luft am Boden überschichtet. Der Temperaturgradient dreht sich dabei um, es ist unten kalt und oftmals nebelig, darüber aber wolkenlos klar und wärmer.

Aktuell bleibt es aber am Boden mit Tagesmaxima von 16 bis 18°C, unter Föhneinfluss auch 20°C „für die Jahreszeit zu warm“. Lediglich an den Küsten werden nur 10°C erreicht, dafür ist die Temperaturdifferenz im Tagesverlauf dort geringer. Es kühlt dort in der Nacht nur wenig ab, denn Nord- und Ostsee wirken wie große Wärmespeicher (so wie sie im Frühsommer noch kühlen). Andernorts gibt es frühmorgens Reif auf Wiesen und Autoscheiben, so dass die Temperatur bis zum frühen Nachmittag um gut 20°C steigen kann. So große Veränderungen fordern eine hohe Anpassungsleistung des Körpers. Die vielen Aufgaben (und Ausgaben?) zur Vorbereitung des Festtage verursachen bei vielen Menschen Stress, der im Winter eher wahrscheinliche Bewegungsmangel verstärkt den Effekt. Besonders Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen bemerken ein allgemeines Schwächegefühl sowie Probleme bei Motivation und Konzentration. Für Menschen mit Atemwegserkrankungen ist die milde Witterung jedoch eher angenehm. Menschen mit Rheuma oder einer Veranlagung zu Muskelverkrampfungen sollten dagegen während der feuchtkalten Morgenstunden auf Aktivitäten im Freien verzichten; nachmittags ist es für sie zumeist angenehmer. Positiv ist für alle wetterempfindlichen Menschen, dass sie derzeit keine extreme Folgen aufgrund von Frost fürchten müssen. Kein rasant steigender Blutdruck, keine massiven Schwindelgefühle, keine Verkrampfungen der Atemwege, keine Muskelverkrampfungen, keine stabile Nebellage in der sich Luftschadstoffe konzentrieren, kein Dauerfrösteln bei niedrigem Blutdruck. Womöglich keimt sogar Lust, sich bei dem milden Wetter im Freien zu bewegen. Insofern kann man den Verzicht auf „weiße Weihnachten“ wohl verschmerzen.

Quellen:

Dr. rer. nat. Jens Bonewitz: Weihnachten im Schnee wieder ade? Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 07.12.2019

Dr. rer. nat. Jens Bonewitz: Weihnachten im Schnee wieder ade (Teil 2)? Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 15.12.2019

Mag.rer.nat. Florian Bilgeri: Milder bis frühlingshafter Start in die dritte Adventswoche. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 16.12.2019

Dipl.-Met. Marco Manitta: Schon wieder Föhn. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 19.12.2019

Erstellt am 20. Dezember 2019
Zuletzt aktualisiert am 20. Dezember 2019

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