Wetter

Schönwetterrisiken

von Holger Westermann

Auch wenn der kanonische Kalender die vorösterliche Karwoche aufruft, breitet sich derzeit über Mitteleuropa sonnigwarmes Frühsommerwetter. A prima vista ein erfreuliches Phänomen, wenn die Frühlingsgefühle so vehement unterstützt werden. Doch auf den zweiten Blick entstehen dadurch auch Risiken: zwei ökologische und zwei für die Gesundheit.

Wie so viele Effekte der Ökologie sind die Folgen des andauernden Sonnenscheins und der ungewöhnlich frühen Wärme eng miteinander verknüpft. Vielerorts füllten ergiebige Regenperioden während des Winters 2019 / 2020 die Grundwasserreservoirs und durchfeuchteten die oberen Bodenschichten. Doch seit Mitte März fehlt der Wassernachschub aus den Wolken und im Osten und Südosten Deutschlands schon wieder viele Regionen mit Dürre. In Österreich ist die Lage dramatischer, denn dort waren die ersten drei Monate 2020 durchweg zu trocken. Mancherorts fehlen bis zu 80 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge. Am stärksten betroffen sind Tirol, Kärnten und die Steiermark, etwas moderater das Burgenland und der Großraum Wien und der Osten Niederösterreichs.

Besonders durchlässige Böden, beispielsweise Sand, bieten derzeit zu wenig Feuchtigkeit für den durch Wärme und Sonnenschein zum aufkeimen und austreiben angeregten Bewuchs. Schon Anfang April den Rasen zu sprengen war bislang nicht nötig, sei aber heuer (in diesem Jahr) für den heimischen Garten empfohlen. In der Landwirtschaft verzögert der trockene Acker die Aussaat, derweil die Obstblüte und der Weinaustrieb besonders früh im Jahr beginnen - und die Furcht vor Frost fördern.

In feuchtfrischen Frühlingstagen durchdringt frisches Grün das leblose Pflanzenmaterial des letzen Jahres, bevor es in wenigen Wochen verrottet. Während der Kälte des Winters waren die abbauenden Insekten, Würmer und Bakterien inaktiv, unter der Wärme der Frühlingssonne schwindet das tote trockene Material rasch. Die dazwischen stehenden frischen, feuchten, grünen Triebe wirken derweil als effektive Waldbrandhemmung. Doch heuer steht für das kaum genug Wasser zur Verfügung. Zum ersten hemmt diese Dürre die Vegetation trotz wachstumsstimulierender Wärme und Sonnenschein. Und zweitens werden schon jetzt im April für manche Regionen erste Warnungen für Waldbrandgefahr aufgerufen.

Die Gesundheitsrisiken sind dagegen offensichtlich: Sonnenbrand und Leichtsinn. Die Sonne steht derzeit so hoch am Himmel wie Anfang September. Da sind die Kinder in Bayern und Baden-Württemberg sowie in ganz Österreich (nach aktueller Planung) noch in den Sommerferien. Wer sich länger im Freien aufhält bedarf eines effektiven UV-Schutzes durch Schatten, Kleidung und Sonnencreme.

Dass sonniges Wetter Gute Laune provoziert, ist bekannt. Leicht kann daraus auch Übermut und Leichtsinn erwachsen - beispielsweise als unbändiger Drang zu Aktivität oder Müßiggang mit Freunden im Freien. Zu normalen Zeiten wäre es auch zu begrüßen und jeder würde empfehlen, dem Impuls nachzugeben. Doch aktuell sind keine „normalen Zeiten“ und der Kontakt zu Familie und Freunden sowie der Aufenthalt im Freien ist eng limitiert. Das lockend schöne Wetter zerrt am Gemüt, denn man möchte doch so gern, was gerade verboten ist. Bei garstigem Regenwetter ist dieses Risiko weit geringer.

Für die Gruppe der Pollenallergiker und Pollenempfindlichen kommt noch eine weitere Gesundheitsbelastung dazu: Bei Sonne und Wärme so früh im Jahr blühen viele Allergenverbreiter gleichzeitig. Linderung könnte der Karfreitag bringen, dann geht die Maximaltemperatur vorübergehend deutlich zurück. Doch schon zu Ostersonntag wird es wahrscheinlich wieder sonnig und warm. Südlich der Donau sowie entlang der Rheins bis hinein nach Hessen könne sogar erste Wärmegewitter mit Starkregen und Graupel auftreten. Dabei werden dann zumindest in den eng begrenzten Regionen unter den Gewitterwolken die Pollen aus der Luft gewaschen. Doch vorsicht: Die Entlastung tritt erst rund 20 Minuten nach Beginn des Regens auf. Zuvor quellen die trockenen Pollen auf und platzen, wobei sie die Allergene freisetzen. Dann ist die Belastung besonders groß und nicht etwa verschwindend gering. Dieses frische Gefühl stellt sich erst etwas später ein. Die Geduld, so langen mit den Öffnen der Fenster zu warten, lohnt sich.

Das Menschenswetter-Team wünscht Ihnen frohe Ostern!

Quellen:

Dipl.-Met. Simon Trippler: Die Schattenseite des Sonnenfrühlings. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 08.04.2020

Erstellt am 9. April 2020
Zuletzt aktualisiert am 10. April 2020

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Starker Tagesgang der Temperatur

Morgens noch erfrischend kühl, vormittags rasanter Temperaturanstieg und ab dem frühen Nachmittag verhindern Hitze und intensive Sonnenstrahlung den Aufenthalt im Freien. Erst abends nach Sonnenuntergang wird es wieder angenehm lau. Was unter Urlaubsbedingungen Entschleunigung und Entspannung verspricht, hemmt im Alltag Motivation und Konzentration - ein starker Tagesgang der Temperatur. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Selbstachtung ist der beste Weg zum Wohlbefinden

Positives Denken und Proaktivität sind moderne Schlagworte für ein altbekanntes Phänomen: Wer mit Optimismus und einem konkreten Plan in die Zukunft blickt, kann sich mit großer Wahrscheinlichkeit über sein gelungenes Leben freuen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man sich der eigenen Person, den Mitmenschen und der eigenen Umwelt aktiv zuwendet - dass man Achtsamkeit übt. weiterlesen...


Schmerzsensible wie ein Neandertaler

Nach langer Koexistenz mit modernen Menschen (Homo sapiens) verschwanden die Neandertaler (Homo neanderthalensis) vor rund 40.000 Jahren als eigenständige Art. Doch damals fruchtbare Paarungen zwischen beiden Menschenarten bewirkten, dass heutzutage im Genom der Europäer (und ihrer Nachfahren auf anderen Kontinenten) noch Neandertalergene nachweisen werden können. Eines dieser artfremden Gene senkt die Schmerzschwelle von modernen Menschen vom europäischen Ökotyp. weiterlesen...


Religiöse Rituale reduzieren Angst und Stress

Angst ist eine mächtige Emotion, die durch die Erwartung von Bedrohungen und Katastrophen ausgelöst wird und Stress auslöst - und so messbar mit den somatischen Stresssymptomen verbunden ist. Schon in der Frühzeit der Erforschung universeller Kulturphänomene postulierte der polnischen Sozialanthopologe Bronislaw Malinowski (1884 - 1942), dass magisch-religiöse Rituale geeignet sind aktiven Einfluss auf unkontrollierbare Bedrohungen vorzutäuschen und so die überwältigende Angst abzuschwächen. weiterlesen...


Dankbarkeit verbessert auch das eigene Wohlbefinden

Weniger Stress, innere Ruhe und Achtsamkeit verbessern das psychische Wohlbefinden. Dabei wird oft übersehen, dass es nicht genügt, sich frei von Zumutungen, Drangsal und Leid zu fühlen. Für Menschen sind Zuversicht und verlässliche soziale Bindungen wichtige Wohlfühlfaktoren. Wer positive Erlebnisse erkennt, senkt den Stress. Eine erfolgversprechende Strategie ist es, Dankbarkeit zu üben. weiterlesen...