Langzeitbeobachtung analysiert unmittelbare und mittelbare Folgen für die Gesundheit

Cannabis schädigt Körper, Geist und Seele

von Holger Westermann

Durch den radikalen Wechsel in der Drogenpolitik einiger Bundesstaaten der USA, von der strafbewehrten Prohibition zur absoluten Freigabe von Handel und Konsum von Cannabis, erhält die Diskussion um die gesundheitlichen Folgen des Kiffens auch hierzulande Brisanz. Eine aktuelle Übersichtsarbeit hat die medizinischen Studien der vergangenen 20 Jahre ausgewertet und in Hinblick auf ihre wissenschaftliche Konsistenz bewertet – möglicherweise wäre die politische Entscheidung anders ausgefallen, hätten die Verantwortlichen diese Ergebnisse gekannt.

Die Diskussion um den Handel und Konsum von Marihuana (getrocknete Pflanzenteile) und Haschisch (Harz weiblicher Hanfpflanzen) ist geprägt vom Dissens zwischen Strafverfolgung einer verharmlosenden Propaganda und der Annahme, dass ein Gesetz nur dann sinnvoll sei, wenn sich die Mehrzahl der Menschen daran halten. Zumindest dem letztgenannten Argument kann man entgegenhalten, dass Steuergesetze oder Straßenverkehrsregen auch nicht in ihrer Gesamtheit von allen Menschen begrüßt und freiwillig eingehalten werden. Auf der anderen Seite trägt der Staat auch ein Gesundheitsfürsorgepflicht gegenüber seinen Bürgern. Bei der Diskussion um Chlorhühnchen oder Arzneimittelsicherheit bis hin zur Kennzeichnung riskanter Inhaltsstoffe von Lebensmitteln wird staatliche Intervention durchaus begrüßt.

Der US-Bundesstaates Colorado hat seit dem 1. Januar 2014 für Erwachsene den Cannabiskonsum und den Handel mit Cannabisprodukten ohne Einschränkungen frei gegeben. Diese Entscheidung (aufgrund einer Volksbefragung) hat jedoch nicht nur gesundheitspolitische, sondern durchaus auch ökonomische Folgen. Mit 5 Millionen Einwohnern beträgt das Jahresbudget des Bundesstaates (vergleichbar einem Bundesland in Deutschland oder Österreich) 29 Milliarden Dollar. Der Gouverneur von Colorado, John Hickenlooper, rechnet für das kommende Haushaltsjahr mit einem Marihuana Gesamtumsatz von einer Milliarde Dollar – und infolgedessen mit Steuermehreinnahmen von 134 Millionen Dollar. Rund 10.000 Menschen sollten inzwischen ihren Lebensunterhalt mit dem Anbau, der Aufbereitung oder dem Vertrieb von Cannabisprodukten verdienen.

Sicherlich gehen diese Umsätze nicht vollständig auf das Konto von Bürgern des Staates Colorado. Die neue Gesetzgebung lockt auch eine Vielzahl rauschsuchender Touristen an. In Europa konnte dieser Effekt in den Niederlanden beobachtet werden, inzwischen hat man dort die Drogenpolitik jedoch wieder geändert. So ist auch Colorado von US-Bundesstaaten umzingelt, die den Besitz und Konsum von Cannabis zumeist mit Gefängnisstrafen ahnden (Arizona und New Mexico gestatten den Konsum auf Rezept zur Schmerztherapie). Nicht jeder Joint, der in Colorado geraucht wird, belastet die Gesundheit eines Bürgers dieses Staates.

Wer die Folgen der Freigabe von Cannabis für die Verbreitung typischer Erkrankungen (Zunahme der Häufigkeit, Intensität der Symptome) in der Bevölkerung von Colorado wissenschaftlich untersucht, wird den Effekt daher eher unterschätzen als überschätzen. Einen wertvollen Hinweis, auf welche Erkrankungen und Symptomen sich die Forscher bei so einem Vorher (bis Dezember 2013) versus Nachher (ab Januar 2014) Vergleich fokussieren sollten, gibt eine aktuelle Studie von Prof. Dr. Wayne Hall vom King's College in London (Großbritannien). Der Suchtexperte der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) hat in einer Langzeitstudie über 20 Jahre die Wirkung von Cannabis auf die Gesundheit der Konsumenten untersucht.

Dramatisch sind die unmittelbaren pharmakologischen Effekte des Tetrahydrocannabinol (THC, Hauptwirkstoff von Cannabis*), sowie die mittelbaren Effekte des Rauchens, des regelmäßigen Eintrags von Staub und anderen Schadstoffen in die Lunge. Diese werden auch von den Protagonisten einer Cannabis-Legalisierung nicht ernsthaft bestritten:

  • Kiffen Schwangere steigt die Wahrscheinlichkeit für Frühgeburten und Untergewicht der Neugeborenen.
  • Bei regelmäßigem Konsum häufen sich Raucherkrankheiten wie Krebs, chronische Bronchitis (COPD) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Arteriosklerose, Koronare Herzkrankheit, Thrombosen, peripheren arteriellen Verschlusskrankheit und infolgedessen Herzinfarkt und Schlaganfall).
  • Eine tödliche Cannabis-Überdosis gibt es nicht, doch das Unfallrisiko steigt im Rausch erheblich (zumindest doppelt so hoch).


Geleugnet werden dagegen oftmals die Langzeitfolgen der THC-Exposition für Geist und Seele der Konsumenten:

  • Wer über einen längeren Zeitraum täglich kifft setzt sich dem selben Suchtrisiko aus wie Dauerkonsumenten von Alkohol oder Heroin. Jüngere waren anfälliger für eine Sucht als ältere Einsteiger. Unter jugendlichen Kiffern zeigte jeder sechste deutliche Anzeichen einer Abhängigkeit, bei Erwachsenen war es jeder zehnte. Es gibt demnach durchaus eine Cannabis-Abhängigkeit, wenn auch nicht jeder Konsument betroffen ist.
  • Die Hemmschwelle, härtere Drogen wie Heroin oder Kokain zu konsumieren, sinkt signifikant (Amphetamine und Crystal Meths spielten zum Untersuchungszeitraum noch nicht die große Rolle wie derzeit). Cannabis ist eine Einstiegsdroge, wenn auch die ersten Drogenkontakte meist Alkohol (leichtere Verfügbarkeit) und Tabak (Gewöhnung an die Konsumtechnik Rauchen) sind.
  • Vor allem bei Menschen, die ohnehin ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen tragen (bei denen solche Erkrankungen in der Familie schon aufgetreten sind) steigern durch Cannabis-Konsum das persönliche Risiko für einen Ausbruch von Psychosen, schwere Depression (major Depression) und Schizophrenie erheblich. Insbesondere die Entzugserscheinungen erzeugen Angstzustände, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit und depressive Stimmung – die sich Verstetigen können.


Strittig bleibt dagegen auch nach 20 Jahren wissenschaftlicher Beobachtung, ob vorrangig Menschen mit eingeschränkter Intellektualität zum Joint greifen oder ob kiffen die geistige Entwicklung hemmt – dass kiffen dumm macht:

  • Jugendliche, die regelmäßige kiffen sind weniger gebildet als ihre Altersgenossen ohne Cannabis-Erfahrung. Belegt ist, dass die Konzentrationsfähigkeit unter THC-Einfluss nachhaltig leidet.


Cannabis ist offensichtlich kein harmloses Genussmittel mit entspannender Wirkung, sondern eine Droge mit erheblichem Suchtpotenzial und oftmals Langzeitfolgen für Körper, Geist und Psyche der Konsumenten. Dass die Volksdroge Alkohol mit vergleichbarer Charakteristik ausgestattet ist, ändert an diesem Befund nichts.

Vor diesem Hintergrund ist es eine gute Nachricht, dass unter Jugendlichen Cannabis an Attraktivität eingebüßt hat. Im „Monitoring-System Drogentrends“ (MoSyd) geben 15% der Großstadt-Jugendlichen (15‐ bis 18‐Jährigen in Frankfurt am Main, Deutschland) an, in den letzten 30 Tagen Haschisch geraucht zu haben; im Jahr 2002 lag die Quote noch bei 21%.

Auch im Drogen- und Suchtbericht 2014 der Bundesregierung wird ein langfristiger Trend zu weniger Cannabis-Konsums unter Jugendlichen postuliert, er „war von 2001 mit 9,2% bis 2012 auf 4,6% ebenfalls deutlich rückläufig, ist aber im letzten Jahr auf 5,6% wieder leicht angestiegen.“ Ein Prozentpunkt Zuwachs, nachdem ein Rückgang von 4,6 Prozentpunkten in 11 Jahren bejubelt wurde, ist jedoch kein besonders ermutigendes Zeichen für „Rückgänge beim Tabak-, Alkohol- und Cannabiskonsum unter Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren zeigen, dass wir in der Drogen- und Suchtpolitik richtig aufgestellt sind.“ Doch möglicherweise helfen wissenschaftliche Studien wie die 20-Jahre-Metastudie von Prof. Dr. Hall, relativierenden Einlassungen zur Kurz- und Langzeitwirkung des Cannabis-Konsums offensiv zu begegnen. In Colorado wurde gerade ein groß angelegtes Cannabis-Experiment gestartet (einige Forschungsprojekte begleiten die Prohibitionsaufhebung). Dessen Ergebnisse werden die Diskussion um weitere Daten ergänzen. Denn auch in emotional berauschter Debatte sollte das (natur-) wissenschaftliche Credo gelten: Das Denken muss den Daten folgen**.


* Jede Hanfart oder Zuchtform hat einen spezifischen THC-Gehalt. Hierzulande enthält zur Faserherstellung oder zum Gewinnen von Biokraftstoffen angebauter Hanf kaum THC, weniger als 0,2%. Klassische, orientalische Sorten des Indishcen Hanf (schwarzer Afgane) enthalten durchschnittlich etwa 5%; moderne Gewächshauszüchtungen bis zu 20% THC.

** Es darf sie nicht ignorieren oder gar negieren; selbstverständlich bestimmt oftmals das Denken (Theoriehintergrund) welche Daten überhaupt registriert oder erhoben werden.

Quellen:

Hall, W. (2014): What has research over the past two decades revealed about the adverse health effects of recreational cannabis use? Addiction, online veröffentlicht am 07.10. 2014. DOI: 10.1111/add.12703

Werse, B. et al. (2014): MoSyD – Jahresbericht 2013 – Drogentrends in Frankfurt am Main. Veröffentlicht im August 2014 durch CDR Center for Drug Research und die Goethe Universität Frankfurt am Main. (pdf)

Mortler, M. Hrsg. (2014): Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung 2014. Herausgegeben durch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung und das Bundesministerium für Gesundheit im Juli 2014. (pdf)

Einschätzung der Welt-Gesundheits-Organisation, WHO (World Health Organization) zu Cannabis sowie der Kurz- und Langzeitwirkung auf die Gesundheit.

Erstellt am 14. Oktober 2014
Zuletzt aktualisiert am 14. Oktober 2014

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