Schmerz-Schalter über die Nase nachhaltig narkotisierbar
Migräne und Cluster-Kopfschmerz abschalten
Starke und häufig auftretende Kopfschmerzen beeinträchtigen den Lebensqualität Betroffener erheblich. Von chronischer Migräne spricht man beispielsweise, wenn mehr als 15 Tage im Monat schmerzbestimmt sind und davon mehr als 8 Tage durch eine Migräneattacke. Bei diesem Leidensdruck überrascht nicht, dass bei vielen dieser Patienten auch eine Depression diagnostiziert wird. Im Experiment gelang nun die nachhaltig wirksame Reduktion der Schmerzbelastung.
Forscher vom Albany Medical Center New York (USA) stellten heuer (in diesem Jahr, 2015) auf dem jährlichen Wissenschaftlertreffen der Society of Interventional Radiology ihre erfolgreichen Experimente zur Behandlung von Migräne und Cluster-Kopfschmerzen vor. Dabei wurden 112 Patienten (Durchschnittsalter 44,5 Jahren; 88 Frauen, 24 Männer) durch die Nase ein örtlich betäubendes Medikament (Wirkstoff Lidocain) direkt an einen Nervenknoten verabreicht, der schon länger als Schaltzentrale für starke Kopfschmerzen gilt. Die Forscher kontrollierten die präzise Platzierung der Medikamentenkanüle durch bildgebende Verfahren, ohne die Patienten übermäßig zu piesacken.
Das Ganglion pterygopalatinum (Flügelgaumenganglion, Ganglion submandibulare, Meckel-Ganglion) ist Teil des zweiten Astes vom 5. Hirnnerven (Nervus trigenimus), der die Oberkieferregion versorgt. Der Nervenknoten liegt in einer knöchernen Grube des Schädels am oberen Rand des Oberkiefers, zugänglich hinter dem Jochbein und über die Nase. In diesem Knoten des vegetativen Nervensystems werden unter anderem die sekretorischen Fasern für die Tränen-, Nasen-, Gaumen- und Rachendrüsen verschaltet. Auch die vaskuläre Steuerung der Blutgefäße des Gesichts und Gehirns, die Veränderung der Arteriendurchmesser und damit des Blutdrucks in diesen Adern, erfolgt über das Meckel-Ganglion.
Am Tag nach der minimalinvasiven Medikamentenapplikation hatte sich die Schmerzbelastung der Patienten nach deren eigener Einschätzung halbiert. Nicht alle Patienten profitierten im selben Umfang von der Behandlung, aber der Erfolg was so durchschlagend und nachhaltig, dass 88 Prozent der Patienten deutlich weniger oder gar keine Migräne-Medikamente mehr benötigten. Auch drei Wochen nach dem kleinen Eingriff war die positive Wirkung noch bei rund einem Drittel der Patienten deutlich spürbar.
Die Forscher erklären sich diesen langanhaltenden Effekt dadurch, dass der Wirkstoff Lidocain wie ein Rückstellknopf auf den Migräne-Schaltkreis im Meckel-Ganglion wirke. "Selbst wenn die betäubende Wirkung des Lidocain nachlässt, hat der Migräne-Auslöser nicht mehr seinen maximalen Effekt." erläutert Dr. Kenneth Mandato. In ihrem Fazit weisen die Forscher darauf hin, dass mit dieser Methode keine Heilung der Migräne oder des Cluster-Kopfschmerz erreicht werden könne – lediglich die Schmerzbelastung und damit der Leidensdruck für die Patienten könnten wirksam reduziert werden. Für Menschen, die mit chronischer Migräne leben müssen, ist auch das eine gute Nachricht.
Quellen: Mandato, K. et al. (2015): Image-guided sphenopalatine ganglion blocks: an IR solution for chronic headaches. Journal of Vascular and Interventional Radiology 26 (2): S40. SIR Annual Scientific Meeting, Feb. 28 – March 5, Abstract 77. Doi: 10.1016/j.jvir.2014.12.112
Erstellt am 11. März 2015
Zuletzt aktualisiert am 11. März 2015
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