Mittagsspaziergang statt Kantinenpause schützt vor Winterdepression

Sonnenschein stärkt Motivation und mentale Gesundheit

von Holger Westermann

Zu Herbstbeginn schwindet die Länge der lichten Tage rasant, hierzulande um mehr als 4 Minuten von Tag zu Tag. Die Umstellung auf Winterzeit am letzten Oktoberwochenende kappt die letzten Sonnenstunden nach Feierabend. Für die psychische Gesundheit von Menschen mit 9-bis-5-Berufen beginnt die beschwerliche Zeit. Denn das Gemüt trübt sich durch Mangel an Sonnenlicht.

Psychologen der Brigham Young University (Provo, Utha, USA) nutztne die Protokolle von 16.452 Erwachsenen, die während eines Zeitraums von sechs Jahren das Angebot des Counselling and Psychological Services Center (CPSC) nutzen. Dort wird Studenten und Mitarbeitern der Universität psychologische Hilfe angeboten. Ein Diagnose, die eine ernsthafte psychologische Störung oder Erkrankung bescheinigt, ist dazu nicht notwendig - so sind auch Menschen mit Liebeskummer oder Prüfungsangst darunter.

Die Forscher interessierten sich für den Einfluss von nichtsozialen Umweltparametern, insbesondere des Wetters auf das psychische Wohlbefinden dieser Personengruppe. Bekannt ist, dass sich Sonnenschein positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. Deshalb untersuchten sie vorrangig Phänomene, die die Exposition gegenüber Sonnenlicht beeinflussten: Länge des lichten Tages, Regen oder Schneefall, Bewölkung, Trübung der Luft durch Staub. Dazu wurden die Wetterdaten minutengenau mit den regelmäßig im Büro des CPSC ausgefüllten Befindlichkeitsprotokollen korreliert.

Dabei erwies sich allein die Länge des lichten Tages als relevanter Parameter für die mentale Gesundheit. Keiner der anderen Wetter-Effekte provozierte eine vergleichbar einheitliche Wirkung. „Das ist der erstaunlichste Befund unserer Studie" erläutern die Forscher. „Die Menschen vermuten, das ein regnerischer Tag oder ein Tag mit hoher Luftverschmutzung die Stimmung drückt. Doch das konnten wir nicht bestätigen.“

Die Forscher konnten mit dieser deskriptiven Studie jedoch nicht klären, ob die schwindende Ausdehnung der Tageshelligkeit selbst für die Stimmungseintrübung verantwortlich ist oder die infolgedessen reduzierte Chance bei Tageslicht im Freien zu spazieren. Diskutiert wurde auch der Einfluss der Vitamin-D-Synthese. Das fettlösliche Vitamin bildet sich unter UV-(B)-Strahlung in der Haut. In Herbst und Winter bevorzugen die Menschen wärmende körperumhüllende Kleidung, die dem Sonnenlicht nur wenig Haut präsentiert. Deshalb versiegt die Vitamin-D-Synthese in der kalten Jahreszeit. Aber auch der Sonnenstand ist relevant. Während der dunklen Jahreshälfte (zwischen den Tag-und-Nacht-Gleichen; von Herbst- bis Frühlingsbeginn) steht die Sonne auch zur Mittagszeit tief am Himmel. Dadurch ist die Strahlungsintensität deutlich geringer als während der lichten Jahreshälfte. Sie genügt dann hierzulande nicht mehr, um Vitamin-D zu synthetisieren.

Auch der psychologisch positive Effekt des Sonnenlichts, der Beleuchtung des Augenhintergrunds, ist abhängig von der Strahlungsintensität. Für eine spürbare Stimmungsaufhellung bedarf es hinreichend intensiven Sonnenschein: Im Sommer über den gesamten lichten Tag hinweg, im Winter nur zur Mittagszeit. Selbst bei bewölktem Himmel ist die Spätherbst-Mittagssonne noch hinreichend hell, am Abend ist das Licht schon zu flau, elektrische Büro-Beleuchtung genügt niemals (Tageslichtlampen können helfen).

Deshalb ist es für die psychische Gesundheit wichtig, während der dunklen Jahreszeit die Mittagspause im Freien zu verbringen, auch wenn das Wetter nicht jeden Tag zum Spaziergang lockt. Wer sich im Sonnenlicht bewegt (es muss nicht immer Sonnenschein sein), schützt sich vor dem Anflug der Winterdepression und verbessert Motivation und Konzentrationsfähigkeit. Die Länge des lichten Tages lässt sich dadurch objektiv nicht recken, aber subjektiv fühlt er sich nicht mehr so eingezwängt an - zwischen der Fahrt ins Büro bei Dunkelheit und Fahrt nach Hause, wenn bereits finster ist.

Quellen:

Beecher, M.E. et al. (2016): Sunshine on my shoulders: Weather, pollution, and emotional distress. Journal of Affective Disorders 205: 234–238. doi: 10.1016/j.jad.2016.07.021

Erstellt am 22. November 2016
Zuletzt aktualisiert am 22. November 2016

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