An sonnigen Sommertagen ist das Risiko deutlich geringer

Nasskaltes Wetter provoziert epileptische Anfälle

von Holger Westermann

Epilepsie-Patienten klagen über eine besonders drastische Form der Wetterempfindlichkeit: Bei Wetterwechsel steigt die Wahrscheinlichkeit für Aura-Erscheinungen und Anfälle. Zieht nasskalte Witterung auf, ist das Risiko besonders groß. Diese Vermutung konnten nun empirisch bestätigt werden.

Epilepsie (Fallsucht) überfällt mit spontan aufgetretenen Krampfanfällen, die sich überhaupt nicht oder sehr kurzfristig durch eine Aura ankündigen. Wie bei Migräneattacken erscheinen während der Aura Lichtblitze oder andere optische Erscheinungen, begleitet von neuronalen Ausfällen wie beispielsweise lallende Aussprache. Nach einem epileptischen Anfall mit unwillkürlichen stereotypen Verhaltens- oder Befindensstörungen (es müssen nicht immer die Zuckungen sein, die in Kinofilmen gern dargeboten werden) erinnern sich die Betroffenen zwar an die Auraphase, nicht aber an den Krampfanfall selbst. Etwa 10 % aller Menschen haben eine erhöhte Krampfbereitschaft, knapp die Hälfte davon erlebt einmal oder wenige Male unter besonderen Einwirkungen (beispielsweise den Lichtblitzen eines Stroposkops oder bestimmte Gerüche) einen epileptischen Anfall, der sich ohne die auslösenden Umstände nicht wiederholt. Unter einer aktiven Epilepsie mit häufigeren Anfällen leiden (beispielsweise in Deutschland) 0,5 bis 1% der Bevölkerung.

Abgesehen von Konfrontationen mit Auslösereizen, lässt sich nicht vorsagen, wann und wie oft Epileptiker von Krampfanfällen heimgesucht werden. Durch Patientenberichte animiert untersuchten Forscher der Universität Jena (Thüringen, Deutschland) den Einfluss des Wetters, von Luftdruck, Luftfeuchte und Temperatur, sowie des Wetterwechsels auf die Wahrscheinlichkeit mit der Anfälle auftreten.

Für ihre Studie korrelierten die Forscher die Unterlagen aller Patienten, die zwischen 2003 bis 2010 wegen eines epileptischen Anfalls in die Jenenser Universitätsklinik eingeliefert worden waren mit den zum jeweiligen Zeitraum vorherrschenden Wetterlage und eventuell vorangegangenen Wetterwechseln. Insgesamt konnten 604 Einzelfälle analysiert werden. Das eindeutige Ergebnis überraschte die Forscher:

Das Risiko für einen epileptischen Anfall steigt bei Tiefdruckeinfluss linear um 14% je 10,7 hPa (Hektopascal) Luftdruckminderung. Besonders wetterempfindlich erwiesen sich Patienten mit leichter Epilepsie, die mit einem Antiepileptikum behandelt wurden. In dieser Patientengruppe betrug der Anstieg des Risikos 36%. Auch hohe relative Luftfeuchte von mehr als 80% Sättigung mit Wasserdampf ließ die Anfall-Wahrscheinlichkeit steigen, um 48%. Während der Einfluss von niedrigem Luftdruck bereits am Tag danach maximale Wirkung zeigte, war die Belastung durch einsetzende hohe Luftfeuchte erst 3 Tage später besonders auffällig. Die Forscher vermuten, dass nasskaltes Wetter Infekte oder eine allgemeine Schwächung begünstigen, die das Anfallrisiko ansteigen lassen.

Entlastend machten sich Sonnenschein und Wärme bemerkbar. Eine Umgebungstemperatur oberhalb von 20°C reduzierte das Risiko um 46%. In ihrem Fazit legen sich die Forscher fest: „Unsere Studie bestätigt den von Patienten beobachteten Zusammenhang von Wettergeschehen und epileptischen Anfällen".

Quellen:

Rackers, F. et al. (2017): Weather as a risk factor for epileptic seizures: A case-crossover study. Epilepsia, online veröffentlicht 08.05 2017. DOI: 10.1111/epi.13776

Erstellt am 25. Mai 2017
Zuletzt aktualisiert am 25. Mai 2017

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