Ansteigende Temperatur weckt dunkle Episode der Depression
Tödliche Hitze
Extrem warme Luft, starke Sonnenstrahlung und hohe Luftfeuchte schwächen Herz und Kreislauf, Motivation und Konzentrationsfähigkeit lassen nach, die Schlafqualität sinkt. Wer zu wenig trinkt riskiert Thrombosen, die einen lebensbedrohlichen Infarkt oder Embolien auslösen können. Schwache Muskulatur und Schwindel erhöhen das Risiko zu stürzen und sich dabei ernsthaft zu verletzen. Doch anhaltende Hitze beeinträchtigt auch das Gemüt, ein oftmals unterschätztes Risiko.
Die psychische Belastbarkeit schwindet, je länge die Hitze tagsüber anhält und Tropennächte (Temperatur durchgängig > 20°C) den Schlaf beeinträchtigen. Verschwitzt fühlt man sich ungewaschen und „klebrig“, jede körperliche und geistige Leistung bedarf initativ eines mentalen Kraftaktes, tiefe Müdigkeit und rasche Ermattung verhindern effektive Tätigkeit, selbst „Nichtstun“ erschöpft und alle Menschen in der Umgebung werden sofort aggressiv - nur selbst ist man die absolute Ausnahme, die lediglich auf nervige Mitmenschen angemessen reagiert.
Während einer Hitzewelle sinkt die Schwelle zu gereizter Reaktion. In Kombination mit einem negativen Körpergefühl und latenter Überforderung aufgrund permanenter körperlicher Belastung und geistiger Erschöpfung kann die Gemütslage auch in eine depressive Stimmung umschlagen. Bei Menschen, die unter Depressionen leiden steigt dann das Suizidrisiko. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Forschern der Stanford University (Kalifornien, USA).
Gemeinhin wird die dunkle Jahreszeit als Auslöser für triste Stimmung angesehen. Sobald im Frühling die Sonne wieder häufiger scheint und Wärme ins Freie lockt, verfliegen Niedergeschlagenheit und die Gemütslage hellt sich auf. Für gesunde Menschen mit robustem Gemüt wird das auch zutreffen. Dieser Effekt gilt jedoch nicht zwingend auch für Menschen, die mit einer echten Depression leben müssen und gegen immer wiederkehrende Suizidgedanken kämpfen.
„Selbstmord ist weltweit eine der häufigsten Todesursachen, und die Selbstmordraten in den USA sind in den letzten 15 Jahren dramatisch angestiegen.“ erläutern die Wissenschaftler ihre Motivation für das Forschungsprojekt. Schon seit Jahrhunderten ist bekannt, dass während der Sommermonate Suizide besonders häufig auftreten. Aber neben der Sommerhitze variieren auch viele andere Faktoren saisonal, beispielsweise die Arbeitslosenquote oder die Länge des lichten Tages und infolgedessen die Hormonspiegel im Tagesverlauf.
Um die Relevanz der Temperatur zu erkennen, verglichen die Forscher in einem ersten Schritt historische Temperatur- und Suiziddaten über Tausende von US-Bezirken und mexikanischen Gemeinden aus mehreren Jahrzehnten. Sie fanden eine enge Korrelation zwischen Hitze und Anzahl der Suizide. Erstaunlich war dabei, dass die größere Verbreitung von Klimaanlagen offensichtlich keinen (positiven, weil suizidverhindernden) Einfluss hatte. In einem zweiten Schritt analysierten sie die Wortwahl in mehr als einer halben Milliarde Twitter-Updates oder Tweets, inwiefern Hitze das mentale Wohlbefinden beeinflusst; .ob sie semantisch als „einsam“, „gefangen“ oder „selbstmörderisch“ kategorisiert werden können. Auch hier zeigte sich eine eindeutige Korrelation.
In ihrem Fazit betonen die Wissenschaftler jedoch, dass Hitze nicht als direkter Auslöser für Suizid angesehen werden sollte. Vielmehr würde bei ansteigender monatlicher Durchschnittstemperatur (kritischer Wert für 10% überdurchschnittliche Suizidrate bei 25°C; für 20% bei 30°C) die Wahrscheinlichkeit verändert, dass eine persönliche Krisensituation eine Selbstverletzung provoziert.
Quellen: Burke, M. et al. (2018): Higher temperatures increase suicide rates in the United States and Mexico. Nature Climate Change 8: 723–729. DOI: 10.1038/s41558-018-0222-x. Horton, M. (2018): Stanford researchers find warming temperatures could increase suicide rates across the U.S. and Mexico. Pressemeldung der Stanford University vom 23.07. 2018
Erstellt am 18. August 2018
Zuletzt aktualisiert am 21. August 2018
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