Wetter

Wintergefühle

von Holger Westermann

Pec im Winter

Der Einstrom kalter Polarluft weckt Wintergefühle. Nach sternklaren Nächten ist die bodennahe Luft morgens, kurz bevor die Sonne wieder wärmt, sehr frisch. Frost forderte von Frühaufstehern besondere Aufmerksamkeit auf Wegen und Straßen. Inzwischen garniert Schnee auch tagsüber weite Landschaften Mitteleuropas. Der Kontrast zum spätsommerlichen Wetter vor wenigen Tagen wird als besonders drastisch empfunden. Vielen Menschen gelingt die körperliche und mentale Anpassung nicht mit der selben Dynamik - oft leiden darunter Wohlbefinden und Gesundheit. Doch warum fühlen sich +10°C im Herbst so viel kälter an als im Frühling?

Nasskaltes, windiges Herbstwetter animiert zum Rückzug auf die Ofenbank oder - etwas weniger romantisch - in die wohlgeheizte Wohnung. Vergleichbare Wetterdaten in Frühling, eventuell angehübscht mit ein wenig Sonnenschein, locken dagegen ins Freie um sich endlich wieder mal „den Wind um die Nase wehen zu lassen“. Gerade in diesem Jahr (2018) mit sonnigem, trockenem und sehr heißem Sommer, der sich nur zögerlich abschwächend bis in den November zog, wird der Umschwung als besonders drastisch empfunden.

Die gefühlte Temperatur des Klima-Michel-Modells vom Deutschen Wetterdienst (DWD) berücksichtigt viele aktuelle Wetterparameter wie Thermometerwert, Luftfeuchte, Windgeschwindigkeit, Strahlungsintensität der Sonne, Reflexionsstrahlung. Bei der medizinmeteorologischen Betrachtung werden noch weitere Einflußfaktoren berücksichtigt wie Luftdruck, Luftqualität (Ozonbelastung, Stickoxide, Feinstaub, Pollen, Sauerstoffgehalt) und Lärm. Gemeinsam bilden sie die Umweltbedingung „Wetter“ an die sich der Körper anpassen muss. Dabei bedeuten rasante und drastische Änderungen größere Herausforderungen als langsame und marginale; Menschen mit fortgeschrittener Biographie oder chronischen Erkrankungen sind zumeist stärker betroffen als junge gesunde. Doch das betrifft alle Monate des Jahres gleichermaßen.

Die unterschiedliche Wahrnehmung von Temperatur und korrespondierendem Wohlbefinden ist wahrscheinlich Folge psychologischer Effekte. So ertragen Menschen in Regionen mit großen Temperaturunterschieden im Tageslauf, beispielsweise Wüstenbewohner (Tag-Nacht-Temperaturdifferenz ca. 30°C), oder Skifahrer den Wechsel vom Subtropenklima geheizter Hotelräume auf die klirrend kalte Gletscherpiste sehr gut. Bei Soldaten, die ein ausgiebiges Wintertraining absolvierten, erkannten Forscher des United States Army Research Institute of Environmental Medicine (USARIEM, Massachusetts, USA) einen saisonalen Gewöhnungseffekt: „Den ganzen Winter lang spürten die Wangen die kalte Luft (und den zusätzlich kühlenden Wind) und die Haut (und die darin eingebetteten Adern mit dem wärmetransportierenden Blut) zog sich infolgedessen nicht mehr so sehr zusammen.“ Daraus schlossen sie „Man gewöhnt sich an diese Umweltbedingungen; die Haut fühlt sich dann (wieder) wärmer an. Deshalb empfindet man einen kalten Oktobertag viel kälter, als die gleichen Bedingungen im Februar.“

Diese Gewöhnung an Kälte ist kein physiologischer Effekt, bei dem die körperliche Toleranz gegenüber frostiger Umgebung wächst, sondern ein psychologischer. Im Herbst alarmiert jeder Kältereiz den Reflex zum Schutz vor Auskühlung. Die Adern ziehen sich zusammen, der Blutdruck steigt, aufgestellte Haare sollen auf der Haut ein wärmendes Luftpolster halten (Gänsehaut), ein leichtes Muskelzittern erzeugt zusätzliche Wärme. Im Frühjahr ist man klüger. Selbst ein markanter Kältereiz rechtfertigt noch keinen Ganzkörperalarm, denn dank Winterkleidung bleibt der Wärmeverlust moderat. Darüber denkt im Oktober oder im Februar niemand nach, das ist keine bewusste Entscheidung, sondern eine unbewusste Anpassung an die saisonal veränderte Umwelt.

Kinder und Jugendliche sind dabei eher kältetolerant als Senioren oder durch chronische Erkrankungen belastete Menschen. Bei Kindern macht sich das günstige Oberfläche-Volumen-Verhältnis und deren Bewegungsdrang positiv bemerkbar. Kleine Körper haben eine vergleichsweise große Körperoberfläche (Wärmeverlust) zum Körpervolumen (Wärmeproduktion). Sie müssen durch Muskelaktivität (spielen, toben) sehr effektiv Wärme produzieren, die den Verlust ausgleicht. So kann ein zu warm eingepackter Kinderkörper auch rasch überhitzen, andererseits kühlt ein ruhiggestelltes Kind (Kinderbuggy) bei niedriger Umgebungstemperatur aus.

Jugendliche fallen ihren Mitmenschen durch sehr leichte Kleidung auf. Trotz Kälte genügt eine leichte Jacke oder ein cooler Sweater als Wärmeschutz. Wer hier Opferbereitschaft auf dem Markt der Eitelkeit vermutet, liegt falsch. Die besondere hormonelle Konstellation während der Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenenstatus bewirkt eine besondere Kältetoleranz. Leiden die vermeintlich zu leicht bekleideten Jugendlichen unter Erkältung ist das nicht Folge ihrer lässigen Garderobe, sondern der engen und vielfältigen Sozialkontakte - die auch eine Verbreitung von Erkältungsviren protegieren.

Älteren und kranken Menschen gelingt es dagegen nicht mehr zuverlässig durch Muskelaktivität den Wärmeverlust der Haut zu kompensieren. Sie frieren leicht am ganzen Körper. Kalte Hände und Füße gehören vielfach schon zum „normalen“ Körpergefühl. Diese Körperreaktion entsteht, wenn die Durchblutung der Extremitäten zugunsten der Wärmespeicherung im Körperzentrum reduziert wird. Wer kann sollte dann mit einem leichten Training oder Gymnastik die Muskulatur zur Wärmeproduktion animieren, damit die Auskühlung nicht mehr verhindert werden muss und die Durchblutung wieder in Schwung kommt.

Deshalb ist es wichtig, sich auch garstiger Witterung auszusetzen. Nur so man sich an Kältereize gewöhnen, nur so kann die unangenehme Körperreaktion sukzessive abgemildert werden. Wer auch bei niedriger Lufttemperatur und Wind häufig draussen ist (zusätzlich Regen oder Schneefall ist nicht unbedingt notwendig, man muss es auch nicht übertreiben), erhöht über den psychologischen Entwarnungseffekt die Kältetoleranz. Die „Abhärtung“ gegen Kälte beruht zu einem Gutteil auf diesem unbewussten Lerneffekt. Die alarmierende und stressprovozierende Reflexreaktion auf markante Kältereize wird abgemildert und die angemessene Regulation kann sofort einsetzen. Damit wird das aktuelle Wintergefühl immer noch nicht so attraktiv wie die Frühlingsgefühle, aber man kann es sich leichter machen, damit zu leben.

Quellen:

Dipl.-Met. Martin Jonas: Erst die Leoniden - und dann der erste Schnee. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 17.11.2018

Mag.rer.nat. Florian Bilgeri: Die ominöse 4-Grad-Grenze. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 18.11.2018

Castellani, J.W.; Young, A.J. (2016)
: Human physiological responses to cold exposure: Acute responses and acclimatization to prolonged exposure. Autonomic Neuroscience 196: 63 - 74. DOI: 10.1016/j.autneu.2016.02.009.

Erstellt am 20. November 2018
Zuletzt aktualisiert am 20. November 2018

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