Kraft, Kondition, Koordination, Kognition, Kommunikation und Soziale Kompetenz

Tanzen verbessert die Leistung von Herz und Gehirn

von Holger Westermann

Der Musikstil ist offensichtlich gleichgültig, wichtig ist nur, dass man sich koordiniert bewegt - am besten in Harmonie mit einem Gegenüber oder in einer Gruppe. So kann man die Ergebnisse mehrer aktueller Forschungsprojekte sowie von zwei Übersichtsstudien zusammenfassen. Ballett, Stepptanz, klassischer Paartanz oder griechische Volkstänze, vor allem ältere Menschen profitieren vom Training zur Musik.

Eine Studie aus Großbritannien vergleicht an einer großen Datenstichprobe (49.000 Personen) die Trainingsformen „gehen“ und „tanzen“. Beide reduzierten das Risiko für einen Tod durch Herzerkrankungen, denn regelmäßige ausdauernde Bewegung regt den Kreislauf an - doch deutlich stärker bei den Tanzbegeisterten. Die Forscher schreiben diesen positiven Zusatzeffekt des Tanzens den rhythmusbedingten Leistungsspitzen (eine Art Intervalltraining), der lebenslangen Begeisterung und den psychosozialen Effekten des gemeinsamen Tanzerlebnisses zu.

Diese Perspektive beleuchtet auch eine Studie an 130 älteren Menschen ab 60 Jahren (Durchschnittsalter 67 Jahre), die für 32 Wochen einen Workshop für traditionellen griechischen Volkstanz besuchten, 2-mal pro Woche jeweils 75 Minuten. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass Tanzen nicht nur die Fitness und körperliche Funktionalität sowie die Herz-Kreislauf-Gesundheit verbessert, sondern auch die Lebensqualität im Allgemeinen. Gerade ältere Menschen erfahren beim Tanz und Musik neben körperlicher Aktivität und motorische Koordination auch Emotionalität und soziale Interaktion. Dabei sind vertraute Melodien geeignet positive Lebenserinnerungen zu aktivieren und damit den psychischen Status der Menschen zu verbessern. Die Forscher betonen in ihrem Fazit die soziale Komponente der traditionellen Tänze: „Diese Interaktion mit anderen Menschen beseitigt das Gefühl der Einsamkeit und stärkt ihren psychischen Status. Darüber hinaus wird es als wichtige Tatsache angesehen, dass sich ihr Selbstwertgefühl und ihre Stimmung bessert, wenn sie erkennen, dass sie neue Fähigkeiten (und Fertigkeiten) erlernen.“

Zwei Übersichtsarbeiten untersuchten den Stand der Forschung zu neuronalen Veränderungen durchs Tanzen. Beide Studien kommen zu dem Schluß, dass Tanzen anderen Formen der regelmäßigen moderaten körperlichen Betätigung überlegen ist - wenn es das Ziel ist die kognitiven Koordinationsfähigkeit sowie die emotionalen und psychischen Zufriedenheit zu verbessern.

Die erste Übersichtsstudie hebt ab auf die positiven Effekte der emotionalen Erfahrungen und physiologischen Reaktionen, die sich auf das allgemeine Wohlbefinden (psychological Wellbeeing) auswirken. Die zweite Übersichtsstudie untersucht, ob Tanzpraxis die Neuroplastizität fördert (Anpassung an neue Aufgaben für das Gehirn). Diese Eigenschaft lässt im Verlauf der Biographie nach, ältere Menschen haben eine geringere Neuoplastiziät als jüngere. Ein Verzögern, Aufhalten oder gar Umkehren dieses Prozesses entspräche einer funktionellen Verjüngung des Gehirns. Genau dieser Effekt konnte als Fazit der Übersichtsarbeit festgehalten werden, da

  • Tanzen die Verbindung zwischen beiden Gehirnhälften stärkt
  • Komplexe Tanzbewegungen mehrere unterschiedliche motorische, somatosensorische und kognitive Gehirnbereiche aktivieren
  • Regelmäßige Tanzübungen sich positiv auf die Gehirnaktivität auswirken
  • Tanzpraxis die weiße und graue Substanz in verschiedenen Hirnregionen verändert.

Hinzu kommen funktionelle Veränderungen der kognitiven Funktionen sowie eine signifikante Verbesserung des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit, des Körpergleichgewichts und der psychosozialen Parameter. So interagieren beim Tanzen mehrere Gehirnregionen, wobei sich die Neuroplastizität nachhaltig verbessert.

In der Zusammenschau bestätigen die neuen Studien, dass beim Tanzen neben der Bewegungskomponente auch der soziale Aspekt sowie die positiven Assoziationen der Musik gemeinsam wirken - als wechselseitige Unterstützung in der aktuellen Trainingseinheit und langfristig im Trainingsprogramm mit Freude dabei zu bleiben oder als neuronaler Effekt der funktionellen Integration mehrerer Gehirnregionen. Hinzu kommt noch ein weiterer Effekt, von dem eine klinische Studie über die Beruhigung von Menschen vor Operationen berichtet: Musik senkt akuten Stress (wie ihn Menschen vor einer Operation empfinden) zuverlässiger als eine Beruhigungsspritze. Stressreduktion, körperliche Aktivität und soziale Interaktion sind Basis für einen besonders effektiven und nachhaltigen Gesundheitsschutz für Herz und Kreislauf, für Geist und Psyche.

Quellen:

Merom, D. et al. (2019): Dancing Participation and Cardiovascular Disease Mortality - A Pooled Analysis of 11 Population-Based British Cohorts. American Journal of Preventive Medicine 50 (6): 756 – 760.Quelle: DOI 10.1016/j.amepre.2016.01.004

Douka, S. et al. (2019): Traditional Dance Improves the Physical Fitness and Well-Being of the Elderly. Frontiers of Aging Neuroscience, online veröffentlicht 5.4. 2019. DOI: 10.3389/fnagi.2019.00075

Teixeira-Machad, L. et al. (2019): Dance for neuroplasticity: A descriptive systematic review. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 96 (1): 232-240. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2018.12.010.

Predovan, D. et al. (2019): Effects of Dancing on Cognition in Healthy Older Adults: a Systematic Review. Journal of Cognitive Enhancement 3 (2): 161 – 167. DOI: 10.1007/s41465-018-0103-2

Graff, V. et al. (2019): Music versus midazolam during preoperative nerve block placements: a prospective randomized controlled study. Regional Anesthesia & Pain Medicine 44 (8), online veröffentlicht 19.7.2019. DOI: 10.1136/rapm-2018-100251

Erstellt am 20. Juli 2019
Zuletzt aktualisiert am 21. Juli 2019

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