Krankenhauskeim könnte Kulturfolger des Klimawandels sein

Anhaltende Hitze züchtet potentiell pathogenen Pilz

von Holger Westermann

Die meisten Arten der Candida-Hefepilze sind unproblematisch, doch wenige können Krankheiten hervorrufen sowie durch andere Erkrankungen oder therapeutische Maßnahmen (beispielsweise Beatmung) geschwächte Patienten besiedeln. Dazu müssen die Pilze im Körper bei rund 37°C überleben und wachsen können - das gelingt seit einigen Jahren auch aggressiven Formen.

In den letzten Jahren werden immer häufiger Infektionen durch Candida auris dokumentiert. Der Pilz wurde erstmals 2009 in Japan als Krankheitserreger identifiziert und wird seither weltweit in Kliniken gefürchtet, denn zwischen 30 und 60% der mit Candida auris infizierten Patienten (Unsicherheit bei der Identifizierung des konkreten Erregers) sterben daran, weil dieser Pilz inzwischen gegen viele Medikamente resistent ist.

Bislang konnte noch nicht geklärt werden, warum der seit langem als harmloser Hefepilz bekannte Candida auris plötzlich lebensbedrohlich wurde. Zumal sich die krankheitserregenden Stämme in Indien, Venezuela und Südafrika genetisch erheblich unterschieden. Es hat sich demnach nicht ein mutierter Typus weltweit verbreitet, sondern offensichtlich sind mehrfach potentiell pathogene (krankheitserregende) Varianten entstanden. „Vor allem, dass dies unabhängig voneinander und nahezu gleichzeitig auf mehreren Kontinenten passiert ist, ist ungewöhnlich“, erklärt Arturo Casadevall von der Johns Hopkins University in Baltimore (Maryland, USA) den Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt.

Pilze gedeihen normalerweise nicht gut unter den Bedingungen des Ökosystems „menschlicher Körper“: 37°C ist sehr warm. Zudem gibt es eine rege Konkurrenz durch andere Bakterien und Pilze des menschlichen Mikrobioms; das Immunsystem verhindert zumeist zuverlässig die übermäßige Ausbreitung. Ein potentiell pathogener Pilz muss diese Einschränkung mit raschem Wachstum überflügeln, er muss sich bei 37°C optimal ausbreiten. Diese Fähigkeit muss Candida auris durch natürliche Selektion besonders wärmeliebender Varianten gewonnen haben, bevor der Pilz als pathogen aufgefallen ist.

Dies prüften die Wissenschaftler anhand eines Vergleichs der Wärmetoleranz und Wachstumsoptima mit nah verwandten Pilzarten (Candida spec.). Tatsächlich verträgt Candida auris eine deutlich höhere Umgebungstemperatur als nah verwandte Arten; die überwiegende Mehrzahl toleriert die Körpertemperatur von Säugetieren garnicht. Diese Diskrepanz ist nach Einschätzung der Forscher eine evolutionäre Neuerwerbung von Candida auris. Doch es bestehe kein Grund zur Annahme, dass andere, ebenfalls potentiell pathogene Pilzarten zukünftig nicht auch eine größere Toleranz gegenüber hoher Lufttemperatur entwickeln werden. Der Selektionsdruck sei hoch, da in den letzten Jahren Hitzewellen häufiger und lang anhaltend auftreten. „Unsere Studie legt nahe, dass dies der Anfang einer zunehmenden Anpassung von Pilzen an höhere Temperaturen ist“, prognostizieren die Forscher.

Vielfach wird der aktuell intensiv diskutierte Klimawandel als Auslöser assoziiert werden, doch viel wirkmächtiger ist der weltweit voranschreitende Trend zu sehr großen Städten. Dadurch steigt die Temperatur im Wohnumfeld vieler Menschen sehr viel rascher und auf ein deutlich höheres Niveau als durch den Klimawandel. Die Forscher fordern Programme zur präzisen Analyse von Pilzinfektionen, um zukünftig neu auftauchende Erreger möglichst früh zu erkennen: „Momentan sind viele Pilzinfektionen nicht meldepflichtig“, doch wir benötigen „eine bessere Überwachung solcher Infektionen bei Menschen und auch bei anderen Säugetieren, wo die ersten Warnzeichen neuer Pilzpathogene sichtbar werden könnten.“

Quellen:

Casadevall, A. et al. (2019): On the Emergence of Candida auris: Climate Change, Azoles, Swamps, and Birds. American Society for Microbiology, online veröffentlicht 23.7. 2019. DOI: 10.1128/mBio.01397-19

Westermann, H. (2019): Sommerwetter begünstigt lebensbedrohliche Infektionen. Menschenswetter Artikel 1653, online veröffentlicht 12.4. 2019.

Erstellt am 27. Juli 2019
Zuletzt aktualisiert am 27. Juli 2019

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