Wetter

Warmer Regen schwemmt schwachen Winter hinweg

von Holger Westermann

Kälte passé - Winter adieu, denn nun etabliert sich wieder eine Westwetterlage mit Regen, Wind und Wärme. Auf Schnee und weiße Landschaften für den Wintersport dürfen nur Berggipfelbesucher im Allgäu und in den Alpen hoffen. Selbst am Feldberg im Schwarzwald (knapp 1.500m) tauen Warmluft und Regen die Schneedecke weg.

Der kesse kalte Vorstoß der Winters nach Mitteleuropa war lediglich ein Intermezzo zwischen zwei Westwetterlagen. Wer schneebedeckte Mittelgebirge photographieren will, durfte nicht auf optimales Licht warten, sondern musste die Gelegenheit zum Schnappschuß nutzen. Denn schon ist wieder weggetaut, was der Polarlufteinfall vor wenigen Tagen aus den Wolken wrang.

Verantwortlich dafür ist eine „zyklonale Westlage“, die sich gerade stabilisiert. In diesen Winter in steter Wiederholung, wodurch es hierzulande bislang deutlich zu warm geblieben ist. „Zyklonal“ bedeutet, dass Tiefdruckgebiete (Zyklone, nicht zu verwechseln mit den Wirbelstürmen im Indischen Ozean) das Wetter bestimmen; „Westlage“ weil sie von Western also vom Atlantik heran ziehen. Innerhalb eines Tiefdruckgebiets strömt die Luft im Kreis entgegen dem Uhrzeigersinn um das Zentrum. So kündigt jedes Atlantiktief, das gen Mitteleuropa zieht durch einen Schwall Warmluft an. Denn an der Vorderseite, der Ostflanke weht der Wind aus Südwest bis West und transportiert warme Luft von den Azoren, Nordafrika oder dem Mittelmeer heran.

Trifft die feuchtwarme Luft auf kühle bodennahe Luftmassen, schiebt sie sich darüber und wird dabei angehoben. Warme und wasserdampfreiche Luft gelangt dadurch in höhere und damit kühlere Atmosphäreschichten. Die rasch abgekühlte Luft kann nicht mehr so viel Wasserdampf tragen, an Staubteilchen kondensieren Wassertröpfchen, die sich zu Eis, Schnee oder Regentropfen vereinigen und zu Boden fallen. Deshalb wird es bei aufziehenden Tiefdruckgebieten durch hohe Schleierwolken diesig, bevor Regen einsetzt. Danach, wenn sich die Warmluft bis zum Boden durchsetzt, steigt die Temperatur spürbar an.

Erst an der Rückseite des Tiefdruckgebiets wird kalte Polarluft weit nach Süden transportiert. Wie stark der Effekt spürbar wird hängt davon ab, wie kräftig und weiträumig das Tiefdruckgebiet ist und wie seine Zugbahn verläuft. Ein starkes Tief kann viel größere Luftmassen mit größerer Vehemenz beschleunigen, als ein schwaches. Ein Tief über Island, Schweden und Norwegen wirkt sich hierzulande weniger intensiv aus als ein Tief über den Britischen Inseln oder Nordwestfrankreich.

Ein Sonderfall sind Tiefdruckgebiete, die nicht vom Atlantik heran ziehen, sondern sich über Spanien als lokales Wetterereignis bilden und dann über das westliche Mittelmeer und Italien ziehen um dann Richtung Alpen nordwärts abzubiegen. Die Folge sind heftige Stürme in der Adria und enorme Schneefälle an den Südhängen der Alpen. Das ist auch eine zyklonale Westlage, aber keine typische.

Mitteleuropa erwartet nun eine echte, von einem steten Reigen kräftiger Atlantiktiefs geprägte Westwetterlage. Bei stürmischem Wind springt der Thermometerwert allerorten über 10°C, mancherorts über 15°C. Nachts wird es bei bedecktem regnerischen Himmel kaum kühler. Die Nullgradgrenze steigt auf über 2.000m. Schnee fällt nur noch in den Hochlagen der Alpen. Darunter schmelzen warmer Wind und Regen die Schneedecke auch in den Wintersportgebieten. So reduziert sich das Hochwasserrisiko im Frühjahr, denn mit einer massiven Schneeschmelze muss dann nicht mehr gerechnet werden.

Aufmerksam sollten aber ältere Menschen und Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen sein, denn die raschen Temperaturwechseln provozieren Schwindel aufgrund von Blutdruckschwankungen und Schlafstörungen. Wird es plötzlich warm, weiten sich die Adern und bei konstanter Blutmenge fällt dann der Blutdruck. Bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen, die Blutdrucksenker als Medikament einnehmen, macht sich dieser Effekt besonders drastisch bemerkbar. Dann gelingt es den Patienten nicht mehr einen stabile Muskelspannung (Tonus) aufzubauen. Patienten bemerken eine Gangunsicherheit. In Kombination mit Schwindel erhöht sich das Risiko zu Stürzen.

Bei starkem Wind wächst die innere Unruhe und die Schlafqualität verschlechtert sich. Hält die Belastung mehrere Tage an, summieren sich kleine Schlafdefizite zu erheblicher Tagesmüdigkeit. Darunter leidet die allgemeine Fitness, das Konzentrationsvermögen und letztendlich wächst auch dadurch das Risiko zu stürzen oder einen anderen Unfall zu erleiden. Menschen, die um ihre Anfälligkeit wissen, sollten die kommenden Tage besonders achtsam sein und zusätzliche Risiken und Belastungen meiden.

Wenige Tage später ändert sich das Wetter. Auf der Rückseite des Tiefs strömt Kaltluft heran, das Thermometer fällt und das Risiko für Bluthochdruck und Infarkte steigt deutlich. Der erwartete Temperatursturz ist ebenfalls ein Gesundheitsrisiko - aber für andere Symptome und Erkrankungen. Mit der Kaltfront dreht der Wind auf Nord und die Niederschläge gehen zunächst im Bergland, möglicherweise auch in tiefere Lagen wieder in Schnee über. Dann mutet der Winter auch wieder wie Winter an.

Quellen:

Dipl.-Met. Adrian Leyser: Westwetter-Winterkiller. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 31.01.2020

Erstellt am 1. Februar 2020
Zuletzt aktualisiert am 2. Februar 2020

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