Eine Therapieoption ohne offensichtliche Nebenwirkungen

Elektrische Stimulation am Gesichtsnerv lässt Migräne verschwinden

von Holger Westermann

In einer kleinen Studie haben 67 Migräne-Patienten über 3 Monate täglich 20 Minuten lang ein medizintechnisches Gerät getestet, das durch elektrische Reizung des Gesichtsnervs die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren soll. Der Effekt war für dieForscher messbar und für die Patienten spürbar. Doch der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht bekannt.

Die Elektroden des Geräts werden oberhalb der Augen auf die Stirn aufgesetzt und reizen durch die Haut die darunter liegenden Nerven (supraorbitale transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Bei korrekter Platzierung der aufgeklebten Elektroden reizen sie Seitenäste des Trigeminusnervs (N.frontalis, N. supratrochlearis, N. supraorbitalis). Nach der vaskulären Migräne-Theorie entstehen die Kopfschmerzen durch eine reflexhafte Erweiterung der Blutgefäße, wodurch die Schmerz- und Dehnungsrezeptoren des N. trigeminus gereizt werden (trigeminovaskulärer Reflex). Es ist daher plausibel, das eine TENS die Migräneschmerzen lindern kann und möglicherweise auch den Eintritt in die Kopfschmerzphase verhindert.

In ihrem Experiment haben die Forscher die TENS-Geräte so manipuliert, dass nur jedes Zweite tatsächlich elektrische Impulse abgab. Weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte wussten von der Manipulation. Als erfolgreich werteten die Forscher eine TENS-Therapie, wenn die Frequenz der Attacken um mindestens 50 Prozent zurückgingen. Das war bei 38% der TENS-Patienten der Fall, allerdings auch bei 12% der Patienten, die aufgrund der manipulierten Geräte gar keine Stimulation der Gesichtsnerven erfahren hatten. Für die Patienten mit aktiver TENS reduzierten sich die Kopfschmerztage pro Monat von durchschnittlich 6,9 auf 4,8. Die Forscher vergleichen den Therapieerfolg mit dem einer Migräne-Prophylaxe mit Medikamenten und stufen die Erfolgsaussichten auf einer fünfstufigen Skala als „Klasse III“ein, also im Mittelfeld.

Die Deutsche Schmerzhilfe rechnet TENS zu den „Naturheilverfahren“. Die Krankenkassen unterstützen die Behandlung in einigen Anwendungsgebieten. Die Migräne zählt in der Regel nicht dazu. Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung empfiehlt elektrostimulierende Therapien wie beispielsweise auch die okzipitalen Nervenstimulation (ONS) nur für Patienten, bei denen Medikamente nicht helfen.

Quellen:

Schoenen, J. et al. (2013): Migraine prevention with a supraorbital transcutaneous stimulator - A randomized controlled trial. Neurology, online Veröffentlicht am 06.02.2013, doi: 10.1212/WNL.0b013e3182825055

Erstellt am 8. Februar 2013
Zuletzt aktualisiert am 8. Februar 2013

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