Wetter

Medicane

von Holger Westermann

Das Kofferwort aus „mediterranean“ (Mittelemeer) und „Hurricane“ (Wirbelsturm) bezeichnet ein tropensturmähnliches Sturmtief im Mittelmeerraum. Die Entwicklung beginnt zumeist im Frühherbst mit einem ausgeprägten Höhentief, beispielsweise über der iberischen Halbinsel. Auf der Bodenwetterkarte zeigt es sich nur wenig markant, doch in höheren Luftschichten ist es mit reichlich kühler Luft angefüllt. Meteorologen sprechen von einem Kaltlufttropfen. Verlagert es sich langsam ostwärts, überquert es das westliche Mittelmeer, die Costa Brava und die Cote d’ Azur. Zwischen dem zu dieser Jahreszeit noch sehr warmen Meerwasser, den vom Wasser erwärmten unteren Luftschichten und den sehr kühlen oberen Luftschichten entsteht ein energiegeladener Temperaturgardient – die Keimzelle eines Medicane.

Zunächst entwickeln sich aus den aufsteigenden feuchtwarmen Luftblasen hochreichender Quellwolken, die zu größeren Gewittersystemen heranreifen können. Am Boden entsteht ein Unterdruck, sodass solche Gewittercluster am rasanten Luftdruckabfall am Barometer zu erkennen sind. Diese kleinen aber kräftigen Tiefdruckgebiete verhalten sich wie ihre großen Schwestern (in diesem Jahr, 2014, tragen Tiefs weibliche Namen): Die Luft rotiert entgegen dem Uhrzeigersinn um den Tiefdruckkern.

Fällt der Luftdruck sehr stark, steigt auch die Rotationsgeschwindigkeit der Gewitterwolken. In Extremfällen bildet sich ein wolkenfreies "Auge" im Kern des Tiefs, denn absinkende und sich dabei erwärmende Luftmassen können mehr Feuchtigkeit aufnehmen und lösen die Wolken auf. In Satellitenbildern gleichen solche dynamischen Gewittertiefdruckgebiete über dem Mittelmeer tropische Wirbelstürme.

Tatsächlich bestehen einige Gemeinsamkeiten zwischen beiden meteorologischen Phänomenen:

  • Einen relativ zur Umgebung warmen Kern
  • Keine Kalt- und Warmfronten
  • Energielieferant ist warmes Meerwasser

So setzt sich seit den 1980er Jahren auch in meteorologischen Fachkreisen die Bezeichnung Medicane für diese subtropischen oder außertropischen Wirbelstürme durch.

Trotz der angeführten Ähnlichkeiten gibt es aber auch Unterschiede zwischen Medicane und Hurrikan:

  • Selbst die mächtigsten und kräftigsten Medicanes sind mit 200 bis 300 km Durchmesser im Vergleich zu Hurrikans (500 bis 700 km) eher mickrig.
  • Ihre Lebensdauer ist mit rund 48 Stunden sehr kurz (Hurrikans 1 bis 4 Wochen).
  • Die Bodenzirkulation ist durchaus vehement, entwickelt aber bei weitem nicht die Zerstörungskraft eines Hurrikans
  • Der warme Kern eines Medicane beschränkt sich auf die untersten Troposphärenschichten; in einigen Fällen wird er sogar von relativ zur Umgebung kälterer Luft überlagert. Hurrikans haben dagegen einen durchweg warmen Kern, der bis in höheren Luftschichten reicht.
  • Bei Hurrikans werden die höchsten Windgeschwindigkeiten nahe des Sturmzentrums im Bereich der sogenannten Eyewall (Wolkenwand des Sturmauges) registriert, während die stärksten Böen bei Medicanes eher in den spiralförmig angeordneten Gewittersystemen weiter vom Zentrum entfernt auftreten.


Bemerkenswert sind auch die Niederschlagsmengen bis 500 Liter auf den Quadratmeter in 24 Stunden, die sich aus solch einem Gewittersystem über Land- und Ortschaften ergießen. Von einem Medicane sprechen Meteorologen jedoch erst, wenn ein subtropischen Sturm über dem Mittelmeer Orkanstärke (112 km/h) erreicht - ansonsten ist es schlicht ein schweres Gewitter.

Quellen:

Dipl.-Met. Adrian Leyser: "Medicane" - Ein Wirbelsturm am Mittelmeer. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 23.09.2014

Erstellt am 24. September 2014
Zuletzt aktualisiert am 24. September 2014

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