Präzise Differenzialdiagnose verbessert Antidepressiva-Therapie

Forscher finden zwei Formen von Depression

von Holger Westermann

Als typische Symptome einer akuten Depression gelten Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche und Ängstlichkeit sowie depressive Verstimmung, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Anstellte des „sowie“ sollte zukünftig wohl besser ein „oder“ stehen, denn für die beiden Symptomkomplexe wurden nun unterschiedliche Ursachen identifiziert. Womöglich liegt hier auch der Grund für den oftmals geringen Erfolg von Psychopharmaka in der Therapie gegen Depression – sie wirken auf das falsche Hirnhormon.

Es ist schon länger bekannt, dass ein Mangel der Hormone/Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin im Gehirn Depressionen verursacht. Doch „bei Serotonin waren das eher depressive Verstimmung, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit; bei Noradrenalin eher Antriebsmangel, Konzentrationsschwächen und Ängstlichkeit.“ erläutert der Psychiater Dr. med. Philipp Homan vom Universitätsklinikum Bern (Schweiz) den Unterschied der beiden Hormone.

Das Zusammenspiel von Serotonin und Melatonin regelt den täglichen Schlaf-Wach-Rhythmus, Taktgeber ist dabei das Tageslicht. Die elektrische Beleuchtung erreicht zumeist nicht die notwendige Lichtstärke und die korrekte Mischung der Lichtfarbe für eine hinreichene Stimulation der Serotonin-Ausschüttung. Ein Mangel provoziert Müdigkeit, verhindert die Umstellung auf die Aktivitätsphase.

Serotonin ist ein stammesgeschichtlich sehr altes Hormon und in der Natur weit verbreitet, sowohl im Tier- wie im Pflanzenreich. So kann das Hormon auch durch Nahrungsmittel aufgenommen werden. Deshalb gelten der serotoninhaltige Kakao (Schokolade), sowie Nüsse und Bananen als Serotoninlieferanten. Leider gelangt dieses Nahrungs-Serotonin nicht ins Gehirn, die Blut-Hirn-Schranke verhindert das zuverlässig. Aber im Magen-Darm-Trakt (hier sind 95% des Körper-Serotonins konzentriert) reguliert das Hormon die Bewegung der glatten Muskulatur (Darmperistaltik). Im menschlichen Körper gibt mindestens 14 Typen von Serotonin Rezeptoren (5-HT-Rezeptoren), die an der Regulation sehr unterschiedlicher Körpervorgänge beteiligt sind.

Noradrenalin ist ein wichtiger Neurotransmitter des Zentralnervensystems (Gehirn) und des vegetativen Nervensystems (dort gemeinsam mit Adrenalin). Es entsteht enzymatisch aus Dopamin, ist also mittelbar an die Konzentration des „Glückshormons“ gekoppelt. Noradrenalin steuert im Gehirn Wachheitsgrad und Aufmerksamkeit. Patienten mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS; auch Hyperaktivitätssyndrom ADHS) erhalten deshalb Medikamente, die den Noradrenalin- und Dopamin-Spiegel im zentralen Nervensystem anheben. Als Hormon bewirkt Noradrenalin die Engstellung der Arteriolen (kleine Arterien) und damit eine Blutdrucksteigerung.

Bislang wurde bei Depression nicht unterschieden, ob die Beschwerden auf einen Mangel an Serotonin oder einen Mangel an Noradrenalin zurückzuführen sind. Eine solche Differentialdiagnostik ist jedoch anhand der Depressionssymptome durchaus möglich, so das Ergebnis einer Studie der Abteilung für Molekulare Psychiatrie des Zentrums für Translationale Forschung der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern (Schweiz).

Durchgeführt wurde eine Doppelblind-Studie (weder die Patienten noch die Ärzte wussten, wer welche Behandlung erhält), zudem wurden Menschen ohne Diagnose Depression als Vergleichspersonen untersucht. Die insgesamt 45 Depressions-Patienten (davon 35 Frauen) waren zwischen 18 und 56 Jahre alt, die Depression wurde vor ihrem 40. Lebensjahr diagnostiziert. Auf Serotonin-Mangel wurden 28 Patienten (davon 19 Frauen) untersucht, gegenüber 27 Vergleichspersonen (davon 18 Frauen). Auf Noradrenalin-Mangel wurden 17 Patienten (davon 16 Frauen) untersucht, gegenüber 13 Vergleichspersonen (davon 12 Frauen).

Um die Symptome einem der beiden Depressionstyp zuzuordnen, wurden bei den Versuchspersonen die Serotonin- respektive Noradrenalin-Speicher experimentell geleert (reduziertes Angebot der Aminosäure Tryptophan bewirkt weniger Serotonin; Catecholamin-Mangel entspricht weniger Noradrenalin). Bei den Depression-Patienten entwickelten sich daraufhin wieder Depressionssymptome; die Vergleichspersonen blieben weiterhin frei von Beschwerden. Doch je nachdem, welcher Neurotransmitter experimentell verringert wurde, traten unterschiedliche Symptome in den Vordergrund:

  • Serotonin-Mangel provozierte vorwiegend depressive Verstimmung, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit
  • Noradrenalin-Mangel provozierte vorwiegend Antriebsmangel, Konzentrationsschwächen und Ängstlichkeit


In seinem Fazit verweist Prof. Dr. med. Gregor Hasler auf den konkreten Nutzen für Menschen, die unter Depression leiden: „Dieses neue Verständnis für den individuellen Krankheitsverlauf könnte uns dabei helfen, künftige medikamentöse Behandlungen gezielt auf einzelne Patienten abzustimmen.“ und dadurch ihre Wirksamkeit zu erhöhen.

Quellen:

Homan, P. et al. (2015): Serotonin versus catecholamine deficiency: behavioral and neural effects of experimental depletion in remitted depression. Translational Psychiatry 5: e532, online veröffentlicht am 17.03 2015. doi: 10.1038/tp.2015.25

Erstellt am 28. März 2015
Zuletzt aktualisiert am 28. März 2015

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

Weitere Informationen...

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

Vorübergehend winterlich

Wer den Winter personifiziert, wer das Bild bemüht, dass „Väterchen Frost“ kommt und wieder geht, der darf sich nun auf einen Kurzbesuch freuen. Einerseits ist es schön, wenn ein lange nicht mehr gesehener Gast mal wieder vorbei schaut. Andererseits ist dieser Gast recht garstig, so dass es ganz angenehm ist, wenn er alsbald wieder verschwindet. weiterlesen...


Admarker

Das Projekt Menschenswetter

Unterstützen Sie Menschenswetter!

Die Höhe des Beitrags liegt in Ihrem Ermessen.

 

 3 Euro    5 Euro    12 Euro  
 Betrag selbst festlegen  

  weiterlesen...


Ein Bild des Partners lässt Schmerzen schwinden

Zärtlichkeit lindert Schmerzen. Dabei wird der geliebte Partner körperlich wahrgenommen, man ist der schützenden und tröstenden Gegenwart gewiss. Zudem wirkt das genau in diesem Moment ausgeschüttete Kuschelhormon Oxytocin als natürliches Analgetikum. Forscher der Justus Liebig Universität Gießen (Hessen) haben nun herausgefunden: Ein Bild vom Partner genügt, um das Schmerzempfinden zu reduzieren. weiterlesen...


Weniger Streß durch Nikotinverzicht

Wenn Raucher zur Zigarette greifen, bemühen sie oft das Argument, akuten Stress zu lindern. Sie erhoffen sich kurzfristig spürbare und langfristig wirksame Unterstützung bei der Bewältigung psychischer Belastungen. Doch die regelmäßige Intoxikation mit Nikotin verstärkt die Probleme; erst Abstinenz lässt sie (ver)schwinden.

  weiterlesen...


Produktive Müdigkeit im Home Office

Angestellte, die während der Corona-Pandemie von zu Hause aus arbeiten, schlafen länger und arbeiten effektiver. Diese Effizienz- und Leistungssteigerung gelingt nicht jedem, aber betrachtet man die Menschen im Home-Office insgesamt, bleibt das Ergebnis positiv. weiterlesen...


Placebos wirken auch wenn man es weiß

Auch wenn Patienten wissen, dass die eingenommenen Medikamente keinen pharmakologischen Wirkstoff enthalten, spüren sie eine Linderung ihrer Symptome. Das ergab eine Übersichtsarbeit in der die Ergebnisse von 13 klinische Studien mit insgesamt 834 Patienten zusammengefasst wurden. weiterlesen...