Langfristig hohes Risiko für die körperliche und die mentale Gesundheit
Egozentriker sind einsam, egozentrisch durch Einsamkeit
Wer sich für einen überschaubaren Zeitraum von seinen Mitmenschen zurück zieht spürt durchaus positive Effekte: eigene Bedürfnisse und Ziele werden deutlicher wahrgenommen, soziale Beziehungen erfahren Wertschätzung und können anschließend wieder aktiv gestaltet werden. Als langfristiger Zustand ist dieser Rückzug oder gar die soziale Ausgrenzung für Menschen eine enorme Belastung unter der die Gesundheit massiv leidet.
Im Januar 2018 hat die konservative Regierung in Großbritannien Tracey Crouch zur Ministerin für Einsamkeit berufen. In ihrem Amt solle sie „künftig der zunehmenden Vereinsamung von wachsenden Teilen der Bevölkerung entgegenwirken“ beschrieb die Premierministerin Theresa May die politische Aufgabe. Denn mehr als neun Millionen der knapp 66 Millionen Briten fühlen sich laut Rotem Kreuz immer oder häufig einsam. Diese Menschen leiden mit größerer Wahrscheinlichkeit als die Durchschnittsbevölkerung unter Erkrankungen von Herz und Kreislauf, unter Übergewicht und unter psychischen Problemen.
Anhaltende Einsamkeit bedeutet für die Betroffenen sozialen Stress. Wie (fast) alle Affen sind Menschen gesellig. Die Sorge um den sozialen Status, um die Beziehungen zu anderen Mitgliedern des engeren sozialen Umfeldes, bestimmt einen Gutteil der Kommunikation und der täglichen Aktivität. Bei jungen Menschen, die sich ihre soziale Position suchen und sichern müssen, ist es sogar zentraler Lebensinhalt. Die intensive Nutzung der „sozialen Medien“ macht das augenfällig, früher war das Telefon ständig besetzt oder man hielt sich ständig an beliebten Treffpunkten auf - die Mittel Kontakt zu halten ändern sich, der Zweck des Verhaltens ist eine soziale Konstante. Bei Erwachsenen ist die Pflege von Sozialkontakten weniger aufwändig, die Beziehungen sind geknüpft oder berufsbedingt etabliert, manche ergänzen auch die Eltern der Freunde ihrer Kinder zu ihrem Netzwerk. Ein Wohnortwechsel, ein neuer Arbeitsplatz oder die zunehmende Autonomie des Nachwuchses können Lücken in das vermeintlich solide soziale Netz reissen oder gar dessen Festigkeit substanziell gefährden. Mit dem Ausscheiden aus den aktiven Berufsleben durch eine Erkrankung oder mit Erreichen der Altersgrenze, wird dieser Einsamkeitseffekt für viele Betroffene zur überraschenden und überwältigenden Erfahrung. So fühlen sich in einer zusammenfassenden internationalen Betrachtung etwa 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung einsam.
Zwischen 2002 bis 2013 in einer Längsschnittstudie 229 US-Amerikaner im Alter zwischen 50 und 68 Jahren einmal im Jahr zu ihrem psychischen und allgemein gesundheitlichen Befinden befragt. Dabei konnten die Forscher feststellen, dass einsame Menschen schon nach einem Jahr stärker auf sich selbst bezogen waren als zuvor. Einerseits hatten die Wissenschaftler mit diesem Effekt gerechnet, denn wenn die Sozialkontakte fehlen nutzen Menschen die Zeit zur Selbstreflexion, die auch eine Selbstfixierung mit sich bringt. Überrascht hat jedoch, dass die Selbstbezogenheit sich auch als Indikator für Einsamkeit erwies. Einsamkeit und Egozentrik sind psychische Faktoren, die sich wechselseitig verstärken.
Den Forschern ist aber wichtig zu betonen, dass allein sein nicht zwingend Einsamkeit bedeutet. Auch wer unter Menschen lebt und arbeitet kann sich sozial isoliert und einsam fühlen. Wichtiger ist es von anderen als relevanter Sozialpartner wahrgenommen zu werden; wenn man spürt, dass man als Person von anderen berücksichtigt wird. In ihrem Fazit formulieren die Forscher eine Empfehlung für Menschen, die sich einsam fühlen: „Machen Sie ein Ehrenamt, das Sie erfreut. Wenn Sie in einer Suppenküche arbeiten, werden Sie plötzlich feststellen, dass andere Menschen wirklich nett sein können und mit Dankbarkeit reagieren.“ So kann der circulus vitiosus von Einsamkeit und Egozentrik durchbrochen werden.
Quellen: Cacioppo, J.T. et al. (2017): Reciprocal Influences Between Loneliness and Self-Centeredness: A Cross-Lagged Panel Analysis in a Population-Based Sample of African American, Hispanic, and Caucasian Adults. Personality and Social Psychology Bulletin 43 (8): 1125–1135, online veröffentlicht am 13. Juni 2017. DOI: 10.1177/0146167217705120.
Erstellt am 6. April 2018
Zuletzt aktualisiert am 6. April 2018
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