Wetter

Vorübergehend winterlich

von Holger Westermann

Wer den Winter personifiziert, wer das Bild bemüht, dass „Väterchen Frost“ kommt und wieder geht, der darf sich nun auf einen Kurzbesuch freuen. Einerseits ist es schön, wenn ein lange nicht mehr gesehener Gast mal wieder vorbei schaut. Andererseits ist dieser Gast recht garstig, so dass es ganz angenehm ist, wenn er alsbald wieder verschwindet.

Zwischen dem kräftigen Hoch „Erich" mit Schwerpunkt westlich von Irland (Luftströmung im Uhrzeigersinn um das Zentrum) und dem Tief „Ida" bei Finnland (Luftströmung entgegen dem Uhrzeigersinn) etabliert sich eine stabile Nordostströmung. Damit flutet derzeit eiskalte Polarluft Mitteleuropa und bringt Schnee, Wind, Frost und Glätte.

In den Mittelgebirgen und den Alpen oberhalb von 400m wird die Landschaft winterlich weiß. Aber zumeist erreicht die Neuschneeauflage lediglich 5 bis 10cm mancherorts auch 20 cm nur in Staulagen über 30 cm. Der teils stürmische Wind in den Hochlagen kann durch Schneeverwehungen auch mächtigere Schneelagen aufhäufeln.

Für das Flachland reicht es allerdings nicht für eine nachhaltige Schneedecke, da die Polarluft sich auf dem langen Weg über Wasser (Nordmeer und Nordsee) erwärmt und die Temperatur dadurch zumindest tagsüber knapp über den Gefrierpunkt liegt. Nach sehr kräftigen Schnee- oder Graupelschauern kann kurzzeitig eine weiße Decke die Landschaft hüllen und den Straßenverkehr beeinträchtigen. Ein anhaltend winterliches Panorama ist aber nicht zu erwarten. Doch Graupel, Schneefall oder Schneeregen kühlen die Atmosphäre spürbar ab. Selbst in gut wärmender Winterkleidung ist diese nasskalte Witterung unangenehm: Die Kälte kriecht bis auf die Haut.

Der Effekt beruht auf der hohen Wärmeleitfähigkeit feuchter Kaltluft. Die Temperaturdifferenz zum Körper ist sehr groß und durch den Wasserdampf ist die Dichte der Luft hoch. Hohe Dichte bedeutet, dass die schnelleren = warmen Moleküle der Luft mit Hautkontakt abgebremst werden also abkühlen, wenn sie mit vielen langsamen = kalten Moleküle der Umgebungsluft zusammentreffen. In dichter Luft überträgt sich diese Molekülbremse sehr leicht weiter auf benachbarte Luftmoleküle und ist damit eine sehr effiziente (stark wirksame) Wärmeableitung. Bei Wind verstärkt sich dieser Effekt, da die just ein wenig erwärmte Luft aus der Kleidung oder von der Kleidungsoberfläche weggeblasen und durch frische feuchte Kaltluft ersetzt wird.

Frostige Luft unter 0°C enthält viel weniger Wasserdampf und kann die Körperwärme nicht so gut an die Umgebungsluft übertragen. Sie fühlt sich deshalb weniger „kalt“ an. Fehlt dann noch der Wind, kann Winterkleidung das angewärmte Luftpolster über der Haut festhalten. Dann macht der Spaziergang durch verschneite Landschaften wieder Spaß.

Insofern ist es gut, dass der Polarluftvorstoß nur von kurzer Dauer ist. Das Hoch „Erich" gewinnt direkten Einfluss auf das Wetter in Mitteleuropa, doch leider nicht mit Sonnenschein sondern mit Hochnebel. Die Luft wird wieder wärmer, die Schneefallgrenze steigt auf 600m, später auf 800m. Damit bleibt es abseits der Gipfellagen weitgehend schnee- und frostfrei.

Die zunehmend mildere Luft gleitet über die eingeflossene Polarluft, da Warmluft leichter ist als Kaltluft. Doch damit bildet sich trotz des relativ hohen Luftdrucks an der horizontalen Luftmassengrenze starke Bewölkung und auch Niederschläge. Wer es sonnig mag, muss über die Wolken hinaus. Das kann im Hochschwarzwald oder in den Alpen gelingen. Aufgrund einer Hochdruck-Inversionslage ist es dort in den Höhenlagen zwischen 1000 und 1500m oftmals auch wärmer - und bei Sonnenschein durch die Strahlungswärme noch wärmer - als unter den Wolken im Tal.

Für die Menschen unter den Wolken bedeutet diese Form der Hochdruckwetterlage triste Aussichten. Die gefühlte Kälte kann sehr unangenehm sein und der graue Himmel trübt das Gemüt. Wer sich dennoch zu einem Spaziergang aufraffen kann, stärkt seine Gesundheit. Auch spazieren ist Sport, man kräftigt Kreislauf, Atmung und Muskulatur. Auch ein wolkenverhangener Himmel ist zur Mittagszeit „hell“ und stimuliert die Ausschüttung von Serotonin; damit stabilisiert sich der Wach-Schlaf-Rhythmus und die Stimmung bessert sich. Zudem aktiviert Bewegung an der frischen Luft die Verdauung, das vegetative Nervensystem und das Immunsystem.

Auch bei schlechtem Wetter kann man sich Gutes tun - man muss es nur tun.

Quellen:

Dipl.-Met. Marco Manitta: Nasskalt bis winterlich. Thema des Tages, Newsletter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom 20.01.2022

Erstellt am 20. Januar 2022
Zuletzt aktualisiert am 20. Januar 2022

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