Datensammlung im Internet eröffnet neue Forschungsansätze in der Medizinmeteorologie
Temperatursturz und Warmluftwelle steigern das Migränerisiko
Moderne Kommunikationstechnik ermöglicht erstmalig die Untersuchung eines Wettereinflusses auf die Wahrscheinlichkeit von Migräneattacken in ganz Deutschland. Die Daten wurden mit einer Smartphone-App und einem Web-Formular erhoben. In der ersten Analyse identifizierten die Forscher der Hochschule Hof und der Abteilung Medizinmeteorologie des Deutschen Wetterdienstes (DWD) die Temperaturschwankung während der Tage vor der Kopfschmerzphase der Migräneattacke als relevantes Wetterphänomen.
Eine Vielzahl von Faktoren kann eine Migräneattacke auslösen, vielen Patienten gilt das Wetter als zuverlässiger Migräneprovokateur. Doch wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse zum Einfluss des Wetters auf die Wahrscheinlichkeit eine Migräneattacke zu erleiden sind rar. Zumeist beruhen sie auf einer episodischen Einzelfallanalyse und umfassen keine hinreichende Zahl von Migränepatienten und Migräneattacken um empirisch abgesicherte Aussagen zu treffen.
In der aktuellen Pilotstudie wurden zwischen Juni 2011 und Februar 2012 rund 4.700 Migräne-Nachrichten von Menschen in Deutschland online gesammelt. Dabei stellte sich heraus, dass sowohl eine plötzliche Steigerung wie auch eine plötzliche Abnahme der Lufttemperatur um 5°C mit dem Auftreten von Migräneattacken signifikant korrelierten. Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Migräne steigt um 20%.
Das Forscherteam um Prof. Dr. Jörg Scheidt und Frau Dr. Christina Koppe-Schaller betont, dass es sich bei diesem Ergebnis um eine Korrelation (Zusammenhang zwischen den gemessenen Zahlen) zwischen Temperaturänderung und Migränewahrscheinlichkeit handelt und nicht zwingend um eine Kausalität (Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung). Es ist also durchaus vorstellbar, dass die Wetteränderung nicht direkt für die Migräne verantwortlich ist. Es ist vielmehr wahrscheinlich, dass die wetterbedingte Belastung des Körpers zur Anpassungsreaktionen führt, die wiederum eine Migräne auslösen können.
Eine anderer Einwand, den die Forscher selbst sehr kritisch diskutieren, liegt in der freiwilligen Teilnahme und der Selbstdiagnose „Migräne“ der Studienteilnehmer begründet. Sicherlich wird der Anteil älterer Patienten mit reger Internetnutzung immer noch geringer sein als der jüngerer, der zu früheren Zeiten feststellbare Geschlechterunterschied hat sich aber weitgehend ausgeglichen. Zudem stützt sich die Diagnose „Migräne“ höchstwahrscheinlich auf ein ärztliches Attest, denn nur so ist es den Patienten möglich an die hochwirksamen und daher verschreibungspflichtigen Schmerzmittel zu kommen. Kaum ein echter Migränepatient wird darauf verzichten.
Für Menschen, die mit dem permanenten Migränerisiko leben müssen, ist das Ergebnis dennoch von großer praktischer Bedeutung. Oftmals kündigen sich Migräneattacken mehrere Stunden, manchmal auch Tage vorher an. Die Patienten kennen diese Anzeichen, scheuen sich aber oft schon zu diesem Zeitpunkt mit Medikamenten gegenzusteuern, da die wirksamen Schmerzmittel (Triptane) die allgemeine Leistungsfähigkeit deutlich spürbar beeinträchtigen. Und nicht jeder Vorankündigung folgt auch tatsächlich eine Migräneattacke.
So ist es für Migränepatienten im Alltag relevant, ob sie mit einem zusätzlichen Risiko rechnen müssen, wenn sich erste Ankündigungssignale vor einer Migräneattacke einstellen. Bei extremen Temperaturunterschieden innerhalb eines Tages ist es sicherlich empfehlenswert, die Schmerzabwehr mit Medikamenten sehr viel offensiver anzugehen, als es bei stabilen Hochdrucklagen notwendig wäre.
Menschenswetter und die zugrundeliegenden Vorhersagen des DWD berücksichtigen nicht nur die Temperaturänderungen, sondern eine Vielzahl von Wetterparametern. Wesentlicher Bestandteil sind aber stets die, im normalen Wetterbericht aus Zeitung, Funk und Fernsehen oder im Internet, nicht explizit berücksichtigten Frontdurchgänge. Diese Fronten markieren stets rasche Temperaturwechsel, die für Menschen mit Migräne unangenehme Folgen haben können. Da nicht jeder Migränepatient wetterempfindlich ist, sind Sie herzlich eingeladen ein Menschenswetter-Tagebuch zu führen. Ihre Protokolle werden mit den Vorhersagen des DWD verglichen und statistisch ausgewertet. So erfahren Sie ob und in welchem Umfang Sie persönlich durch das Wetter beeinflusst werden. Wenn Sie sich selbst an einem solchen Forschungsprojekt beteiligen wollen, müssen Sie dies nur bei der Registrierung zum Menschenswetter-Tagebuch anklicken. So helfen Sie mit, die Biowettervorhersage des DWD und den Service von Menschenswetter zu verbessern.
Quellen: Scheidt, J. et al. (2012): Influence of temperature changes on migraine occuence in Germany. International Journal of Biometeorology 56, online veröffentlicht am 15.08.2012. DOI:10.1007/s00484-012-0582-2
Erstellt am 21. September 2012
Zuletzt aktualisiert am 23. Oktober 2014
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